
KI-Trainer Patrick Amato hat zwei Jahre lang Handwerksbetriebe durch den KI-Dschungel begleitet. Im Interview erzählt er, welche Anwendungen im Handwerk heute schon richtig gut funktionieren und worauf du achten solltest, bevor du selbst loslegst.
Wie ist gerade die Stimmung in den Betrieben, wenn es um KI geht?
Ganz unterschiedlich. Oft testet der Chef gerade mal ChatGPT – man dippt sozusagen den großen Zeh ins Wasser. Es kommen aber auch richtig innovative Betriebe aus ganz unterschiedlichen Gewerken, die schon viel weiter sind.
Kannst du ein paar Beispiele nennen, wo KI im Alltag schon richtig gut funktioniert?
Ein schönes Beispiel ist die Tischlerei „Dein Freund“. Die haben auf ihrer Website einen Chatbot eingebaut, der Kunden dabei hilft, ihre Ideen zu finden und zu visualisieren. Früher ist da viel Beratungszeit reingegangen, nur um überhaupt ein grobes Bild zu bekommen. Jetzt beschreiben Leute dem Chatbot, was sie vorhaben, können das Bild so lange anpassen, bis es passt, und gehen dann mit einer konkreten Vorstellung in die Werkstatt. Die handwerkliche Expertise kommt natürlich trotzdem noch dazu. Aber Leute, die mit einer konkreten Idee reinkommen, vergeben den Auftrag auch mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit gleich mit.
Und bei der Kundenkommunikation am Telefon?
Da sind KI-Assistenten auf dem Vormarsch. Es geht dabei nicht darum, den kompletten Kundenservice zu ersetzen, sondern erstmal darum, dass überhaupt jemand rangeht, wenn das Telefon klingelt. Denn kaum ein Handwerker kann permanent das Telefon bewachen. Bei einfachen Anfragen wie „Habt ihr am Wochenende geöffnet?“ kann das System direkt antworten und – bei angebundenem Kalender – sogar Termine buchen. Bei größeren Anliegen, zum Beispiel einer Anfrage für ein neues Badezimmer, nimmt das System erstmal die Daten auf, stellt Rückfragen, fasst das Gespräch als Transkript zusammen und legt es ab. Wenn dann jemand Zeit hat, kann er zurückrufen oder das Gespräch schon vorbereitet führen. Es geht also vor allem darum, Kommunikation zu vereinfachen – nicht darum, sie zu ersetzen.
Wo hakt es denn noch?
Ich war die letzten zwei Jahre als KI-Trainer unterwegs, und ehrlich gesagt waren 80 Prozent der Schmerzen, die ich gesehen habe, gar keine KI-Probleme, sondern Digitalisierungsprobleme. Es ist zwar schön, dass KI den Leuten jetzt verständlicher macht, welches Potenzial digitale Systeme haben. Aber es kann nicht das Ziel sein, dass ich handgeschriebene Zettel von ChatGPT auswerten lasse und daraus Excel-Listen bastle – das funktioniert langfristig einfach nicht.
Die Erwartungen, die geweckt werden, was KI von Haus aus alles kann, sind oft zu hoch, weil das Marketing da ziemlich aggressiv ist. Und die Digitalisierung im Handwerk ist insgesamt einfach noch nicht so weit, dass wir das Potenzial von KI wirklich ausschöpfen können. Viele Betriebe schwanken noch zwischen dem Bauchgefühl des Chefs und der Einstellung: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Da kommt eine E-Mail rein, wird ausgedruckt, handschriftlich ergänzt, wieder eingescannt und irgendwo abgelegt – ein echtes Chaos. Wenn man Papierlogik einfach 1:1 auf den Computer überträgt und sich dann wundert, warum das nicht funktioniert, gibt es Nachholbedarf.
Was würdest du Betrieben raten, die jetzt einsteigen wollen?
Erst eine echte Ist-Aufnahme und Prozessanalyse machen. KI wahllos einzusetzen, bringt nichts. Die Basis muss stimmen: digitale Projektakte, vernünftige Branchensoftware, digitale Zeiterfassung und -planung. Alle Daten, die eine KI später nutzen soll, müssen digital verfügbar und gepflegt sein. Es braucht sozusagen eine Quelle der Wahrheit, auf die alle Zugriff haben. Wenn diese digitalen Prozesse, wie zum Beispiel eine digitale Fotodokumentation oder Zeiterfassung, Teil der Firmen-DNA geworden sind, können wir über KI sprechen. Diese kommt dann aber als Add-on und ist idealerweise direkt Teil der genutzten Software. Es scheitert selten an den Tools, sondern an den Prozessen im Betrieb.
Warum ist es besser, wenn KI direkt Teil der vorhandenen Software ist?
Weil es für Betriebe der bequemste Weg ist. Dem Handwerker ist am Ende egal, wie es gelöst wird, Hauptsache es wird gelöst. Wenn Kommunikation, Bauakten und Material bereits in einem System vereint sind und die KI als einfaches Chatfenster integriert ist, entfällt der Implementierungsaufwand. Da kann ich der NEVARIS-Geschäftsführerin Ruth Schiffmann nur zustimmen, die Anfang des Jahres sagte: „Softwareanbieter sollten die Unternehmen mitnehmen bei der Nutzung von KI und diese nativ in ihre Softwarelösungen integrieren.“
Wie sollten Betriebe konkret vorgehen?
Dass in KI großes Potenzial steckt, ist völlig klar. Aber ich würde nicht panikartig KI-Tools kaufen, sondern erstmal gucken: Wie räumen wir unsere Strukturen auf, und an welcher Stelle kann KI wirklich wirken? Wenn man sich vorher einen Moment Zeit nimmt und schaut, welches Problem tatsächlich ein KI-Problem ist und welches man anders lösen kann, spart das später viel Ärger. Ich hatte auch schon Betriebe, die sich in ihrer Software einfach ein Zusatzmodul gekauft haben – und schon war ein signifikanter Teil ihrer Probleme gelöst. Es hilft zu verstehen, was Digitalisierung leisten kann und wofür es KI braucht.
Verändert KI auch, wie im Betrieb gearbeitet wird?
Ja, ein gutes Beispiel ist wieder der Telefonassistent: Wenn der für mich Termine buchen soll, der digitale Kalender aber nicht zentral gepflegt wird, funktioniert das nicht. Da ist auch ein kultureller Wandel nötig: KI muss als Werkzeug anerkannt werden, das die Arbeitsweise maßgeblich prägt. Aber wir bestimmen immer noch, an welcher Stelle wir es einsetzen, um Menschen zu unterstützen.
Sollte man sich sorgen, dass KI Arbeitsplätze wegnimmt?
Nein. KI ist ein Werkzeug in unserer Werkzeugkiste, da wird niemand ersetzt. Wir werden einfach ein paar nervige Nebentätigkeiten los und können uns auf die wichtigeren Sachen konzentrieren. Das ist der eigentliche Wandel. Und ganz ehrlich: Wir haben ohnehin zu wenig Leute, wir können es uns gar nicht leisten, jemanden zu kündigen.
Müssen Handwerksbetriebe den AI Act auf dem Schirm haben?
Ja, aber die Pflichten sind überschaubar. Die Hauptlast liegt bei Entwicklern und Anbietern, nicht bei Anwendern. Als Betrieb, der KI-Tools nutzt, muss man vor allem zwei Dinge sicherstellen: Mitarbeitende müssen im sicheren Umgang mit KI geschult sein, wofür Hersteller oft schon passende Schulungen anbieten. Und man sollte wissen, ob eine Anwendung sensible Daten verarbeitet oder automatisiert Entscheidungen über Personen trifft, denn dann wird es schnell komplizierter.
Ein Bautagebuch oder internes Wissensmanagement sind in der Regel unkritisch. Bei allem, was nach außen geht, gilt Transparenzpflicht: KI-generierte oder -bearbeitete Inhalte müssen als solche gekennzeichnet werden, damit für niemanden der Eindruck entsteht, mit einem Menschen statt einer Maschine zu kommunizieren. Entscheidend ist im Endeffekt nicht das Tool selbst, sondern der konkrete Anwendungsfall: Der AI Act unterscheidet vier Risikostufen, von unbedenklich bis verboten. Man sollte also genau hinschauen, wofür eine KI-Anwendung im Betrieb tatsächlich eingesetzt wird, statt pauschal nach dem eingesetzten Tool zu urteilen.








