
Die Digitalisierung ist nicht wegzudenken und doch gibt es gerade im Bauwesen noch viele Bereiche, in denen tagtäglich Potenzial liegen bleibt. Die Scheu vor Softwareeinführungen greift der neue 123erfasst Trendreport „Der digitale Werkzeugkasten 2026“ auf und spricht digitalen Werkzeugen Tempo, Klarheit und Kontrolle als Output zu. Doch gehören digitale Helfer 2026 wirklich zum Standard oder schlägt der Akkuschrauber sie auf der Baustelle weiterhin in die Flucht? Und was geht Bauunternehmen dadurch verloren?
In diesem Interview sprechen wir mit Leyla Afsar, Referatsleiterin Digitalisierung und Innovation beim Zentralverband des Deutschen Baugewerbes e.V. über Hürden, Unsicherheiten und wie Bau- und Handwerksbetriebe den ersten Schritt machen können. Den 123erfasst Trendreport 2026 mit wichtigen Insights findest du ebenfalls hier verlinkt, bereit zum kostenfreien Download.
Das Wichtigste in Kürze:
- Digitalisierung im Bauwesen ist 2026 entscheidend für Wettbewerbsfähigkeit und Effizienz.
- Viele KMU im Bau kämpfen mit Auswahl, Einführung und Integration digitaler Tools.
- Hauptbremsen: fehlende Standards, Datenunsicherheit, hohe Kosten und mangelnde Fachkompetenz.
- Digitale Dokumentation schafft Transparenz, spart Zeit und erhöht die Rechtssicherheit.
- Robotik und Automatisierung kommen, erfordern aber weitere Entwicklung.
- Digitalisierung steigert Arbeitgeberattraktivität und zieht junge Fachkräfte ins Bauhandwerk.
- Schrittweise Digitalisierung statt Perfektionismus: „Einfach anfangen“ ist der Schlüssel.
- Der Trendreport 2026 zeigt praxisnahe Ansätze und steht zum kostenlosen Download bereit.
Im 123erfasst Trend Report sagen wir: 2026 gehört ein digitales Tool auf jede Baustelle – so selbstverständlich wie der Akkuschrauber. Ist das realistisch oder nur Wunschdenken?
Leyla Afsar: Eine Herausforderung ist die Orientierung im Angebotsfeld und die Auswahl der Lösungen. Viele kleine Bauunternehmen haben neben ihrer Kernaufgabe nicht die Zeit, sich tiefgehend mit der Digitalisierung zu beschäftigen, und es fehlt oft die Kompetenz, Lösungen zu bewerten. Ein weiteres Problem ist die Kompatibilität und das Zusammenspiel der verschiedenen Anwendungen. Betriebe nutzen zwar innerbetrieblich verstärkt digitale Tools, doch dort, wo Daten über Unternehmensgrenzen hinweg ausgetauscht werden müssen, hapert es noch.
Auch die Digitalisierung der Baustelle gestaltet sich schwieriger als die betriebswirtschaftlichen Abläufe, da die Baustelle kein Labor mit immer gleichen Bedingungen ist. Heterogene Lieferketten, wechselnde Partner und sich verändernde Baustellenverhältnisse erschweren vereinheitlichte Prozesse. Erste robotische Lösungen gibt es, hier wird aber in Zukunft noch viel passieren müssen. Insgesamt wird die Nutzung digitaler Lösungen immer selbstverständlicher. An der weiteren Digitalisierung des Bauens führt kein Weg vorbei.
Was sind die größten Bremsklötze bei der Digitalisierung von KMU? Und umgekehrt: Welches digitale Tool bringt den schnellsten und größten Nutzen für die Betriebe?
LA: Zuvor genannte Hürden sind die Vielzahl der Anwendungen und fehlende Standards für einen offenen Datenaustausch über Unternehmensgrenzen hinweg. Weitere Hürden sind fehlende eindeutige Regelungen zum Datenbesitz, -austausch und -nutzung, was Nutzer verunsichert, sowie die Cybersicherheitsrisiken. Für KMU ist speziell die Finanzierbarkeit von Lösungen eine Herausforderung. Lösungen müssen in die Breite getragen werden, damit sie bezahlbar werden.
Im Idealfall sollten Softwarelösungen immer die Option einer „Light“-Version für kleine Unternehmen oder ein Baustein-System bieten, bei dem Bestandteile nach Bedarf hinzugebucht werden können. Digitalisierung muss am Ende finanzierbar sein und immer einen erkennbaren wirtschaftlichen Vorteil bringen.
Warum ist gerade eine saubere digitale Dokumentation und Kommunikation zwischen Büro und Baustelle so entscheidend für die Qualität und Rechtssicherheit eines Projekts?
LA: Die reibungslose Kommunikation zwischen Baustelle und Büro steigert die Effizienz, da eine Mehrfach-Eingabe von Daten vermieden wird. Das spart Arbeitsstunden und reduziert Übertragungsfehler. Zudem spart digitale Kommunikation Fahrwege und ermöglicht eine Echtzeit-Abstimmung der Mitarbeiter auf der Baustelle mit dem Betrieb – etwa bei Unklarheiten in der Ausführung, technischem Beratungsbedarf, Materialbestellungen oder der Rückspielung von Aufmaßdaten in Abrechnungsprogramme.
Eine saubere, lückenlose (und künftig vielleicht sogar automatisierte) Dokumentation schafft Transparenz über noch zu erbringende Leistungen und Rechtssicherheit im Streitfall. Sie macht auch den Kunden glücklich, was immer das Ziel sein sollte. Zukünftig wird die Dokumentation auf der Baustelle auch essenziell für die Nachweisführung sein, zum Beispiel hinsichtlich der Nachhaltigkeit verwendeter Materialien.
Die Branche sucht händeringend nach Fachkräften. Hilft die Digitalisierung dabei, den Arbeitsplatz Baustelle attraktiver zu machen und junge Talente für das Handwerk zu gewinnen?
LA: Außer Frage – gute, moderne Arbeitsmittel und reibungslose Abläufe machen einen Arbeitsplatz attraktiv. Gerade für die Generation, die mit Tablets und Online-Tools aufgewachsen ist, wird die Digitalisierung zur Voraussetzung für einen attraktiven Job. Was im Privatleben selbstverständlich ist, muss auch in der Arbeitswelt funktionieren, um die Talente der Zukunft zu gewinnen.
Wenn Sie einem Bauunternehmen mit 25 Mitarbeitern nur einen einzigen Rat geben dürften: Welchen digitalen Schritt sollte es jetzt sofort umsetzen, um für die Zukunft gewappnet zu sein?
LA: Mein Rat: Einfach anfangen! Unternehmen können mit einem Thema starten, das mithilfe digitaler Lösungen verbessert werden soll. Das ist besser, als vor dem riesigen Thema Digitalisierung in Schockstarre zu verharren. Dabei sollten die Unternehmen Lösungen schnell testen und überprüfen, ob sich der gewünschte Erfolg einstellt, und gegebenenfalls nachjustieren. Wichtig ist: Bei der Einführung neuer Lösungen darf man auch scheitern! Eine offene Fehlerkultur nimmt Angst vor neuen Prozessen und Arbeitsmitteln.
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